📍 Morez
🗓️ 2026-04-20
🌡️ 16 °C
🏍️ 239 km gefahren
Die Nacht war herrlich ruhig. So ruhig, dass man fast schon vergessen konnte, dass man auf Reisen ist und nicht irgendwo in einem Prospekt für „entspanntes Wohnen mit Aussicht“ gelandet ist. Die Ferienwohnung war angenehm still, der Ausblick schön, also eigentlich beste Voraussetzungen für einen perfekten Start in den Tag.
Der Morgen begann dann allerdings mit einer kleinen Portion Fragezeichen. Die Gastgeberin hatte am Vorabend noch gesagt, sie sei um neun da, wenn ich abreise. Um neun waren aber sämtliche Jalousien noch unten, im Haus war kein Laut zu hören und überhaupt machte alles einen ausgesprochen verlassenen Eindruck. Da es ein privater Gastgeber war und kein klassischer Beherbergungsbetrieb, habe ich am Ende einfach die Schlüssel auf den Tisch gelegt, eine Nachricht geschrieben und mich vom Acker gemacht. Irgendwie etwas seltsam, aber gut — man will ja nicht ewig vor verschlossenen Jalousien auf den großen Auftritt warten.
Der Plan für den Morgen war eigentlich simpel: kurz einen Bäcker ansteuern, einen Kaffee organisieren, vielleicht ein Croissant dazu, und dann entspannt losrollen. Die Realität sah anders aus. Der vermeintliche Bäcker entpuppte sich als normaler Laden, in dem es nichts gab, was mein innerer Roadtrip-Monk morgens wirklich gebraucht hätte. Also Google Maps aufgemacht, nach Bäckereien gesucht — und dann der nächste Aha-Moment: Alles zu. Wirklich alles. An einem Montag. Warum, weiß ich bis jetzt nicht. Aber das Ergebnis war klar: Ich war unterwegs ohne Kaffee und ohne Croissant. Für mich ungefähr der gleiche Ausnahmezustand, als würde man einem Franzosen das Baguette verbieten. 😄
Zum Glück hatte die Landschaft mehr Mitgefühl als die lokale Backwaren-Infrastruktur. Schon nach den ersten Kilometern öffnete sich eine richtig schöne Jura-Kulisse: bergig, grün, mit markanten Felsen, überall dieser Eindruck, dass der Frühling gerade dabei ist, die ganze Gegend wachzuküssen. Es wurde bunter, frischer, lebendiger. Und obwohl ich anfangs noch leicht beleidigt wegen des fehlenden Kaffees war, konnte selbst ich nicht ignorieren, dass diese Landschaft wirklich etwas kann.
Besonders eindrucksvoll wurde es später im Bereich des Creux du Van. Dieser gwaltige Felskessel ist einer der markantesten Orte im Schweizer Jura, mit fast 200 Meter hohen Felswänden — und genau so wirkte es auch: gewaltig, ruhig, beeindruckend. Dort hatte ich dann auch gleich wieder eine dieser klassischen Motorradreisenden-Erfahrungen: Das Navi wollte mich fröhlich geradeaus schicken, nur war da eben keine Straße, auf der man einfach so weiterfahren durfte. Am Ende lag das Problem nicht am Navi, sondern an einem falsch gesetzten Wegpunkt, der offensichtlich im Wandergebiet gelandet war. Genau das ist der Nachteil, wenn man zu Hause am Bildschirm plant und die Gegend nicht kennt: Auf der Karte sieht manches wunderbar fahrbar aus, in Wirklichkeit ist es dann eher etwas für Wanderstiefel als für Motorradreifen. Also Wegpunkt übersprungen, umgedreht, neu sortiert und weiter.
In Les Rasses wurde dann endgültig klar, dass ich heute nicht nur durchs Grüne fahre, sondern auch ordentlich Höhe mitnehme. Dort lagen tatsächlich noch mehrere Schneefelder. Nicht mehr viel, das meiste war schon weggeschmolzen, aber doch genug, um einen kurz daran zu erinnern, dass der Jura im April eben noch nicht vollständig in den Frühling übergeben wurde. Es war wunderbar ruhig dort oben, fast schon so ruhig, dass man das fehlende Croissant für einen Moment vergessen konnte.
Irgendwann habe ich es dann tatsächlich in eine größere Stadt geschafft: Yverdon-les-Bains, direkt am Neuenburgersee. Nach all dem Vormittags-Geeiere war erstmal Pause angesagt. Und das war auch nötig. Yverdon ist so ein schöner Kontrast zum stillen Jura davor: plötzlich Stadt, See, Menschen, Bewegung — und vor allem endlich die Chance, etwas zu essen. Der See selbst ist der größte komplett in der Schweiz gelegene See, und die Lage von Yverdon an seinem Südwestende macht schon was her.
Danach ging es weiter, und spätestens im Bereich Le Chenit war klar, dass der Tag noch lange nicht alles gezeigt hatte. Die Route führte durchs Vallée de Joux, also durch jenes Hochtal im Waadtländer Jura, das für seine Weite, seine Ruhe und natürlich für seine Seen bekannt ist. Dort liegen der Lac de Joux und der kleinere Lac Brenet, und genau diese Mischung aus Wasser, Wald, Höhe und Kurven macht die Gegend so besonders. Ich bin an mehreren großen und kleineren Seen vorbeigekommen, und diese Strecke hatte genau die Art von Charakter, wegen der man so eine Tour überhaupt fährt: schön kurvig, schön ruhig, nirgends hektisch, und dazu immer wieder Schneereste am Rand. Das Wetter machte, was es in den Bergen eben gern macht: mal strahlend blauer Himmel, mal wieder Wolken. Aber nie zu warm, nie zu kalt — einfach genau richtig.
Einer der großen Höhepunkte war dann der Abschnitt über den Col du Marchairuz. Der Pass liegt auf rund 1447 Metern im Jura vaudois und verbindet das Vallée de Joux mit der Seite Richtung Genfersee. Dort oben war die Stimmung wieder ganz anders: mehr Weite, mehr Ausblicke, mehr dieses Gefühl, dass die Landschaft plötzlich den Vorhang aufzieht. Und genau das tat sie auch. Nach dem Pass öffnete sich der Blick Richtung Genfersee und weiter zu den schneebedeckten Alpen. Das war ganz großes Kino. Natürlich, wie es der Motorradgott offenbar gerne hat, ohne vernünftigen Halteplatz genau dann, wenn die Aussicht am schönsten ist. Ich habe versucht, ein paar Fotos zu machen, aber die wirklich starken Bilder bleiben mal wieder im Kopf. Manchmal ist das eben so: Die besten Momente wollen nicht fotografiert, sondern gefahren werden.
Eigentlich war mein Plan gewesen, heute in der Schweiz zu bleiben. Das habe ich im Laufe des Tages aber wieder kassiert. Der Grund war wenig romantisch, dafür sehr praktisch: die Preise. In der Schweiz schien kein Hotel unter 130 Euro aufzutauchen. Und so schön Aussicht, Alpen und Jura auch sind — irgendwo hört bei mir die landschaftliche Begeisterung dann doch auf, wenn der Schlafplatz plötzlich Preise aufruft, für die man in Frankreich gefühlt schon halbe Dörfer pachten kann. Also habe ich umgeplant, bin weiter nach Frankreich gefahren und schließlich in Morez gelandet, wo ich nun eine Unterkunft für einen richtig schmalen Taler gefunden habe. Selbst wenn ich morgen dafür ein Stück zurückfahren muss: Rund 80 Euro Ersparnis fährt man sich gern wieder ein.
Am Ende war das ein Tag voller kleiner Widersprüche, und genau deshalb war er gut. Morgens kein Kaffee und kein Croissant, dafür Verwirrung an der Unterkunft. Dann Schneereste im Jura, falscher Wegpunkt im Wandergebiet, fantastische Felslandschaften, Seen, Kurven, Ruhe, Passstraße, Alpenblick und am Ende doch noch ein günstiges Bett in Frankreich. Es sind genau diese Tage, die nicht geschniegelt und gebügelt daherkommen, sondern ein bisschen chaotisch, ein bisschen improvisiert und gerade deshalb in Erinnerung bleiben.
Fazit: Der Jura kann also offenbar beides: einen morgens kulinarisch im Stich lassen und einen wenige Stunden später landschaftlich komplett versöhnen. 😊













































