Allein unterwegs mit der alten Lady – und jeder Menge Geschichten im Gepäck.
Am Anfang war da nur die Idee: Einfach losfahren, ein paar freie Tage nutzen, dem Alltag entfliehen, irgendwohin – Hauptsache Berge, Kurven, Freiheit. Anfangs hatte ich nur meine Honda CB1000R – ein toller Sporttourer mit ordentlich Dampf, gebaut für schnelle Runden nach Feierabend. Aber schon bei der ersten Planung war klar: Für eine mehrtägige Reise mit Gepäck und wechselhaftem Wetter fehlt ihr schlicht das passende Setup. Also begann ich zu suchen: Ein Motorrad für die große Tour. Robust sollte es sein, bequem, verlässlich – und am besten bezahlbar.
So kam sie zu mir: die alte Lady. Eine BMW R1200GS mit viel Charakter, aber ebenso viel Nachholbedarf in Sachen Pflege. Der Vorbesitzer hatte es nicht allzu gut mit ihr gemeint – aber ich schon. Also bekam sie vor der Reise nochmal eine Extraportion Liebe: frisches Öl, neue Reifen, ein bisschen Zuwendung für die Seele. Dabei war ich nicht allein – denn mein Pa, der zwar keinen Motorradführerschein hat, aber eine mindestens genauso große Liebe zu Zweirädern, war mit vollem Einsatz dabei. Mit viel Zeit, Hingabe und technischem Geschick haben wir die alte Lady wieder zum Glänzen gebracht. Ohne ihn hätte sie definitiv nicht so gestrahlt – weder äußerlich noch innerlich.
Vielleicht hat sie es gespürt. Denn sie lief. Und wie.
Dass es am Ende 3.600 Kilometer, 13 Reisetage und unzählige Eindrücke werden würden, hatte ich nicht geplant – dass es durch fünf Länder geht, schon eher. Aber genau das macht ja die besten Reisen aus: Sie entwickeln sich. Genau wie man selbst unterwegs.
Dieser Rückblick soll kein nüchternes Fazit sein, sondern eher ein letzter Kaffee am Straßenrand – mit offenem Visier und Blick zurück auf das, was war. Und auch, wenn ich diese Tour allein gemacht habe, war Regine irgendwie doch dabei. Denn normalerweise reisen wir zu zweit – und vieles, was ich unterwegs erlebt habe, hätte ich ihr am liebsten sofort gezeigt: die stillen Momente, die weiten Panoramen, den besten Kaffee (und den schlechtesten), die kapriziösen Namen an der Bäckertheke. Zu zweit ist vieles noch schöner – aber allein erlebt man manches intensiver. Und manchmal hat man gerade im Restaurant, wo kaum jemand allein am Tisch sitzt, das Gefühl: Die Kellner geben sich dann nochmal besonders viel Mühe – vielleicht aus Mitgefühl, vielleicht weil sie selbst gern losziehen würden. Jedenfalls wird einem das Essen besonders liebevoll hingestellt. Auch das sind Momente, die bleiben. Und beides hat seinen Reiz.
🌧️ Kälte, Hitze, Höhenluft – und die Thermounterwäsche als treue Begleiterin
Ich bin im April losgefahren – mit Winterklamotten, Thermounterwäsche und der festen Überzeugung, dass mich frostige Temperaturen erwarten. Dass es in den Dolomiten bei –2 Grad schneien könnte, war mir bewusst – aber dass ich dort tatsächlich im Schneegestöber Motorrad fahren würde? Damit hatte ich nicht gerechnet. Dass es im Gotthardtunnel über 30 Grad heiß werden kann? Nicht mal ansatzweise.
Was ich nicht auf dem Zettel hatte: Dass sich an einem einzigen Tag die Temperatur von 0 auf über 20 Grad verändern kann. Dass die Kombination aus Höhenmetern, Sonne, Schneefall, Wind und Hitze nicht nur die Kleidung, sondern auch den Körper ganz schön fordert. Diese Reise war nicht nur landschaftlich intensiv – sie war auch körperlich eine Herausforderung. An Tag 5 merkte ich das besonders deutlich: Ich war erschöpft, fühlte mich angeschlagen und fragte mich kurz, ob ich vielleicht sogar etwas Fieber hatte. Ich hab es im Blog nicht erwähnt – denn manchmal ist Weitermachen die bessere Geschichte – aber an dem Abend war klar: Die Etappen müssen kürzer werden. Nicht aus Schwäche, sondern aus Respekt. Vor dem, was mein Körper leistet. Und vor der Strecke, die noch vor mir liegt.
In solchen Momenten wird einem auch bewusst, wie weit man von zuhause weg ist – geografisch, aber auch emotional. Und trotzdem: Irgendwie gibt genau das der Reise Tiefe. Weil man durchhält. Weil man weitermacht. Weil man plötzlich weiß, wie viel eigentlich in einem steckt. Und genau deshalb war das so wertvoll – weil es mehr war als nur eine Herausforderung. Es war eine Erkenntnis. Und eine Erinnerung daran, dass jede Grenze, die man überwindet, ein Stück mehr Freiheit bedeutet.
❤️ Die stillen Momente: Wenn man nichts erwartet – und alles bekommt
Manchmal bringt einen eine Umleitung genau dorthin, wo man eigentlich hin muss. Der Plan war klar: Großglockner Hochalpenstraße. Doch eine Sperrung zwang mich zur Neuorientierung – und was ich stattdessen fand, war mehr als ein Ersatz. Allein schon die Namen, die mich dorthin führten – Alte Glocknerstraße und Himmelsschleife – klangen wie aus einem Abenteuerroman und machten direkt Lust aufs Entdecken. Hoch oben, über 1600 Metern, stieß ich auf eine abgelegene Kapelle, kaum sichtbar von der Straße. Ein schmaler, steiniger Pfad führte dorthin, vorbei an verlassenen Höfen, in denen zu dieser Zeit kein Leben zu sehen war, einem rauschenden Bach und windgepeitschten Bäumen.
Als ich abstieg, war sofort klar: Das ist kein Ort für schnelle Fotos – das ist ein Ort zum Ankommen. Ich öffnete die Tür, trat ein, und für einen Moment stand die Zeit still. Kein Motorengeräusch, keine Gespräche, kein Ziel – nur Stille, klare Bergluft und das Gefühl, zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein.
Solche Momente kann man nicht erzwingen. Sie geschehen. Und wenn man allein unterwegs ist, treffen sie einen umso direkter – weil niemand da ist, der sie kommentiert. Sie sind einfach da. Und sie bleiben.
Solche Augenblicke lassen sich nicht planen – sie entstehen, wenn man sich einlässt. Und wenn man alleine unterwegs ist, wirken sie umso intensiver.
🏜️ Pässe, Kurven, Staumauern – und ganz viel Freiheit
Ob die schneebedeckten Dolomiten mit dem Pordoijoch, Sellajoch, Grödner Joch und all ihren stillen Panoramen oder der stimmungsvolle Moment am Grimselpass, wo ich allein hinter der Absperrung auf der Passhöhe stand, während die Straße offiziell noch gesperrt war: Oft waren es gerade die Umwege und Sperrungen, die besondere Erlebnisse brachten.
Niemand da. Nur das Schild: ‚Gesperrt‘. Keine Ahnung, wie es weitergehen sollte. Einfach nur du, die alte Lady und eine Landschaft, die wirkt, als hätte sie auf dich gewartet.
Ein weiteres Highlight war die Fahrt über die Berwang-Namloser Landstraße – eine kurvenreiche Strecke mit überraschend wenig Verkehr. Statt Hektik oder Menschenmassen: Stille, klare Linien und perfekter Asphalt. Es war eine dieser Straßen, auf denen man förmlich mit dem Motorrad tanzt – konzentriert, entspannt, ganz im Flow. Die alte Lady lief souverän, und ich merkte, wie das Unterwegssein selbst zur Meditation wurde. Nicht nur das Fahren – auch das Anhalten, das Innehalten, das Lauschen auf die Geräusche der Natur, das Atmen der klaren Luft. Einfach den Moment wahrnehmen, statt ihn festhalten zu wollen – manchmal ist genau das die schönste Form von Freiheit.
Und immer wieder diese tierischen Mini-Begegnungen: Katzenpfoten auf der Sitzbank, Hunde, die sich zum Mautposten erklären, ein neugieriges Murmeltier am Hang, ein Esel mit Humor. Diese Kleinigkeiten machen den Charakter einer Reise aus.
☕ Kaffeestatistik & kulinarische Realität
Und dann war da noch dieser Moment in Andermatt. Ich stehe in der Bäckerei, hungrig, motiviert – bereit für alles, nur nicht für die Speisekarte. Denn was da hinter der Theke lag, hatte Namen, als hätte jemand beim Scrabble verloren: „Salami-Mutschli“ und „Schoggigipfeli“. Ich hätte sie gern bestellt – ehrlich! Aber mein Mund und mein Hirn einigten sich blitzschnell auf: „ein Salami“ und „ein Schoko“ – begleitet von präzisem Zeigefinger, mit dem ich das Gipfeli-Dingsda und das Mutschli-Mysterium eindeutig markierte.
Die Verkäuferin lächelte, als hätte sie diese Szene schon hundert Mal erlebt – vermutlich nicht das erste Mal, dass ein Reisender mit einer Sprachbarriere kämpfte und einfach mutig aufs Gebäck deutete. Geschmeckt hat’s himmlisch – auch ohne korrekte Aussprache. Und irgendwo dazwischen lag auch wieder dieser schöne Moment: Wenn man lacht, weil man scheitert – und trotzdem alles gut wird. Schmecken tat’s in jedem Fall hervorragend.
Natürlich war Kaffee mein täglicher Begleiter – mal gut, mal mittelmäßig, mal einfach nur heiß.
Die Highlights:
- Latte Macchiato mit Schokoknusperbällchen in Südtirol: 6/5 Tassen – der heilige Gral.
- Kaffee aus der Tanke: oft nur 2/5 Tassen – aber warm ist warm.
Kulinarisch war die Tour eine Mischung aus Glücksgriff und Geduldsspiel – besonders im Ausland. In Frankreich etwa ist eine Bäckerei nicht unbedingt leicht zu finden: oft gut versteckt, selten an der Hauptstraße, und selbst wenn man eine entdeckt, ist sie vielleicht gerade geschlossen oder längst in Wohnhausoptik getarnt.
Wer – so wie ich – auf Nebenstraßen und durch kleine Dörfer fährt, erlebt oft: nichts. Keine Bäckerei, kein Café, nicht mal einen Automaten. Viele Orte wirkten wie im Winterschlaf – was daran liegen könnte, dass in den klassischen Touristenregionen im April schlicht noch keine Saison ist. Also hieß es oft: Vorräte aus der Satteltasche, ein improvisiertes Abendessen oder der stille Jubel, wenn dann doch irgendwo ein offenes Lokal auftaucht.
Auch das war Teil der Reise: zu lernen, dass es nicht immer etwas geben muss – und dass der Kaffee, den man endlich findet, umso besser schmeckt.
💸 Was hat der Spaß gekostet?
Gesamtkosten der Tour: 1.547,51 €
- 🏨 Unterkunft: 821,62 €
- 🍽️ Essen & Trinken: 302,86 €
- ⛽ Benzin: 317,83 €
- 📂 Sonstiges (Maut, Snacks, Kleinkram): 105,20 €
Dafür gab’s:
3600 Kilometer Motorradkino,
unzählige Kurven,
gefühlt 12 Jahreszeiten,
und Erinnerungen für den Rest des Jahres.
🧱 Was ich gelernt habe?
- Allein reisen verbindet – mit Menschen, Orten und sich selbst.
- Nicht alles lässt sich planen – und genau das macht’s spannend.
- Manchmal muss man einfach losfahren – nicht denken, sondern tun.
- Und: Man kann auch mit 1000 Kilometern zwischen sich und zuhause entspannt schlafen – wenn man sich selbst vertraut.
Ich war 13 Tage unterwegs, 10 davon gebloggt, 3 für mich behalten. Und das war genau die richtige Mischung.
🛋 Und jetzt?
Jetzt bin ich wieder zurück – mit einem Herzen voller Erinnerungen. Ich denke jeden Tag an diese Tour, an die Kurven, an die Pässe, an die Begegnungen und an die vielen kleinen Momente, die so viel größer waren, als es auf den ersten Blick schien.
Ich bin stolz auf das, was ich erlebt und geschafft habe – und stolz auf die alte Lady, die all das so zuverlässig mitgetragen hat. Kein Murren, kein Zicken – sie lief wie ein Uhrwerk mit Boxerherz. Und ganz ehrlich: Ein bisschen wehmütig bin ich auch, dass es schon vorbei ist. Es hätte ewig so weitergehen können – abgesehen vielleicht von der frischen Wäsche, die irgendwann dann doch zur Neige ging.
Danke, dass ihr mich begleitet habt – digital, emotional, mit Kaffee oder einfach nur durch euer stilles Mitlesen.
Wenn euch die Reise gefallen hat, lasst einen Kommentar da, folgt uns, teilt den Beitrag, schickt eine Brieftaube – was auch immer euer Stil ist. Hauptsache: Ihr bleibt dabei. Denn wer weiß, wann’s wieder heißt:
Abenteuer. .🐾🐶🥳





Möchte hier jetzt versuchen meinen Kommetar abzugeben.
Immer wieder habe ich mit Spannung die Reisebericht verfolgt,welche gezeigt wurden.Diese erinnerten mich teilweise an eigene Stationen die ich bereisen durfte, Hier ging es aber um eine Rundreise durch mehrere Länder. Beeindruckt hat mich, dieses mit einem Motorrad zu unternehmen. Ein Traum meiner Jugend ist es geblieben. Aber hier mit den Teilberichten und der Ganzbeschreibung ist es kein Traum. Ich kam mir vor, als wenn ich unterwegs mit ihm und gelesen habe und vernahm etwas vom Groß Glockner , Dolomiten, Gotthardtunnel und vieles mehr, als wenn ich hinter ihm fahre. Die Temperaturen, den Nebel, Schnee und die Sonnen Auf.-und Untergänge. Diese Erholungspausen mit den Überachtungen ind seiner ehrlichen Mitteilung, seiner zeitlich Begrenzung der Kraft. Aber die Vorfreude das Erlebte weiter zu geniessen. Woher die Muße aber kam, das Erlebte auch noch festzuhalten um wieder geben zu können, bleib sein Geheimnis. Ich erführ sein Vorhaben erst durch seine Regine und dann durch die Teilberichte. Jetzt aber ganz
.
Dafür, dass ich das alles miterleben durfe,
mein herzliches Dankeschön. Möchte ich auch gerne zeigen.
Es grüßt
Herbert Kusnierz/Suchherby mit seiner Ebby
Hallo Herbert,
vielen Dank für die lieben Worte. 🙂