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📍 Saint-Dié-des-Vosges

🗓️ 2025-04-22

🌡️ 15°C

🏍️ 172 km gefahren

Die Nacht in Montbéliard war gut, das Bett bequem und der Schlaf erholsam. Nach dem kleinen Kupplungskrimi vom Vortag ging mein erster Gedanke am Morgen natürlich direkt zur alten Lady. Bevor ich allerdings nach dem Hydraulikstand schaute, gab es erstmal Frühstück. Der Kaffee war leider wieder kein echter Höhenflug. Trotz Vollautomat würde ich ihm nur 2 von 5 Kaffeetassen geben. Die Croissants waren dafür richtig gut, schön französisch eben, dazu leckerer Saft und am Ende sogar noch ein kleiner Kuchen. Die Auswahl war insgesamt nicht riesig, aber völlig in Ordnung.

Der eigentlich spannende Teil kam danach: der Blick zur alten Lady. Nach dem ganzen Kupplungstheater vom Vortag war natürlich die große Frage, was der Hydraulikstand gemacht hatte. Also kontrolliert — und siehe da: alles gut. Der Behälter war noch voll, unter der Maschine keine Tropfen, keine sichtbaren Undichtigkeiten. Sie war also nicht inkontinent, und damit stand fest: Die Reise kann weitergehen. Ganz weg war das Misstrauen trotzdem nicht. Ich traute dem Frieden noch nicht so richtig und hoffte einfach, dass unterwegs nicht direkt das nächste Kapitel aufgeschlagen wird.

Dann ging es los in Richtung Route des Crêtes. Und schon bald war klar: Das heute wird wieder so ein Tag, an dem ich unterwegs immer wieder merke, warum ich das Ganze überhaupt mache. Die Route des Crêtes zieht sich als historische Höhenstraße über die Vogesen und verbindet einige der eindrucksvollsten Hochlagen der Region.

Mein erster markanter Stopp war der Hartmannswillerkopf auf 956 Metern Höhe. Schon die Strecke dorthin war ein Genuss. Kaum Verkehr, die Straße fast für mich allein, nur ein paar Radfahrer unterwegs. So muss das eigentlich sein. Dazu strahlend blauer Himmel, keine einzige Wolke weit und breit. Der einzige Haken: der Wind. Und der war nicht einfach nur ein bisschen frisch, sondern teilweise so kräftig, dass er einen ordentlich durchgeschüttelt hat. Es war insgesamt nicht warm, aber trotzdem sehr angenehm zu fahren — wenn der Wind einen nicht gerade wieder am Motorrad hin und her zerrte.

Am Hartmannswillerkopf selbst kommt dann noch eine ganz andere Stimmung dazu. Dort oben war ich eben nicht einfach nur an einem schönen Aussichtspunkt. Es ist ein Ort mit schwerem historischem Hintergrund. Auf der Tafel vor Ort wird der nationale Soldatenfriedhof Silberloch-Hartmannswillerkopf erklärt. Der Hartmannswillerkopf war im Ersten Weltkrieg zwischen 1914 und 1918 schwer umkämpft. Dort sind die sterblichen Überreste von Gefallenen zusammengefasst, darunter 1.264 identifizierte und 384 nicht identifizierte Soldaten. Dazu gehören eine Krypta und ein Mahnmal, das mit dem Schlachtfeld verbunden ist. Auf der Tafel wird der Ort auch als „Berg der Toten“ bezeichnet. Das ist also kein Platz, an dem ich nur schnell ein Foto mache und gleich wieder weiterfahre. Da wird es automatisch stiller.

Danach ging es weiter in die Hochvogesen. Das Wetter blieb traumhaft schön, keine Wolke am Himmel. Der Wind allerdings blieb ebenfalls treu und machte die Sache auf den Höhen ordentlich frisch. Zwischendurch war die Straße so leer, dass ich die Strecke einfach nur genießen konnte. Nicht hetzen, nicht sammeln, nicht Kilometer fressen — einfach grinsend unterm Helm fahren.

Später ging es hoch zum Hohneck, dem zweithöchsten Gipfel des Vogesenmassivs mit 1.364 Metern. Dort oben hatte der Wind dann endgültig beschlossen, heute die Hauptrolle zu spielen. Die Aussicht war dafür entsprechend stark. Rund um den Hohneck ist genau diese typische Hochvogesen-Landschaft zu spüren: offene Höhen, schroffe Kanten, Weite und bei gutem Wetter ein Panorama, das weit über die Vogesen hinausreicht. Die Brasserie dort oben war allerdings so voll, dass an Einkehren nicht zu denken war. Also blieb nur: kurz schauen, genießen, weiterfahren und das Thema Essen auf später verschieben.

Der nächste Stopp war dann der Col de la Schlucht auf 1.139 Metern. Dort gab es endlich etwas Vernünftiges zu essen: einen sehr leckeren Flammkuchen. Bei 9 Grad genau die richtige Entscheidung. Der Col de la Schlucht gehört ebenfalls zur Route des Crêtes und ist einer dieser Punkte, an denen Höhe, Landschaft und Straßenführung einfach perfekt zusammenpassen.

Zwischendurch führte mich die Strecke auch über die Route forestière du Pré de Raves mitten durch den Wald. So eine Straße, bei der ich mich zunächst fragte, ob ich hier überhaupt fahren darf — oder ob ich irgendwo ein Schild übersehen habe. In Deutschland würde ich bei so einer Strecke vermutlich ziemlich skeptisch werden, hier war sie offenbar ganz normal befahrbar.

Am Ende bin ich in Saint-Dié-des-Vosges angekommen. Kein Rekordtag, keine Kilometer-Orgie, aber genau das war heute auch völlig egal. Die Natur stand im Vordergrund, das Genießen der Strecke, das gute Wetter und einfach dieses ruhige, entspannte Fahren. Und genau das hat heute funktioniert.

Zum Tagesabschluss kam natürlich noch einmal der prüfende Blick auf die alte Lady. Und auch da: alles gut. Die Flüssigkeiten sahen gut aus, keine neue Auffälligkeit, keine schlechte Überraschung. Insofern war die Entscheidung, heute genau so zu fahren, im Nachhinein absolut richtig. Und damit stand auch der Plan für morgen: weiter Richtung Deutschland.

Fazit: Heute ging es nicht um Tempo, Rekorde oder möglichst viele Kilometer, sondern einfach ums Fahren, Schauen und Genießen. Bestes Wetter, tolle Strecken, kräftiger Wind und am Ende auch technisch Entwarnung — genau so darf sich ein guter Reisetag anfühlen. 🏍️☀️

Einzelheiten
2026-04-22 Jura Tag 5

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