📍 Prad am Stilfserjoch
🗓️ 2025-06-01
🌡️ 26°C
🏍️ 201 km gefahren
Tag drei begann mit nassen Straßen, kühler Luft und der Hoffnung, dass es nach den ersten beiden Tagen etwas ruhiger laufen würde.
Die Nacht bei Jolanda und Friedrich in Sautens war erholsam. In der Nacht hatte es ordentlich geregnet, die Straßen waren nass und die Temperatur war auf 14 Grad gefallen. Also erstmal Kaffee und ein Buttergipferl.
Der Kaffee war einigermaßen okay. Der Deckel allerdings nicht. Der tat nur so, als würde er halten, und kurz darauf landete ein guter Teil des Inhalts auf meinem weißen Langarmshirt.
Geht ja wieder gut los.
Für den Geschmack gibt es zwei von fünf Kaffeetassen. Für die Treffsicherheit leider null.
Danach ging es Richtung Timmelsjoch. Schon unterwegs regnete es immer wieder mal. Nicht dramatisch, aber genug, um klarzumachen: Der Tag würde sein schönes Gesicht nicht direkt am Anfang zeigen. Die Strecke führte durch das Ötztal, vorbei an Sölden und immer weiter hinauf. An der Mautstelle waren es nur noch acht Grad.
Oben am Timmelsjoch wurde es dann richtig frisch. Sehr windig, Regen, nasskalt und irgendwo bei drei bis vier Grad. Lange blieb ich deshalb nicht dort, aber den Moment habe ich trotzdem genossen. Die Gegend ist einfach beeindruckend: raue Berge, tiefhängende Wolken, Hochgebirgsstimmung und eine Aussicht, die selbst bei schlechtem Wetter funktioniert. Der eisige Wind sorgte nur dafür, dass aus „in Ruhe genießen“ eher „zügig genießen“ wurde.
Das Timmelsjoch ist von jeher mehr als eine Straße über den Berg. Schon früh verband dieser Übergang das Ötztal mit dem Passeiertal Richtung Meran. Am Top Mountain Crosspoint erzählen mehrere Stationen von geschichtsträchtigen Handelswegen, dem Bau der Straße, Schnee, Eis und Gletschern. Die heutige Straße wurde erst 1959 eröffnet – was man fast vergisst, wenn man heute mit dem Motorrad dort hochfährt.
Besonders hängen geblieben sind mir die Dornenkrone als Symbol für die historische Teilung Tirols und der Kristall „AJUNA“, der für Frieden in der Welt stehen soll. Zwischen Wind, Regen, Kälte und der rauen Bergkulisse wirkte das nicht wie trockene Infotafel-Geschichte, sondern wie ein kurzer Moment zum Innehalten. Nur eben ein sehr kalter.
Danach ging es hinunter auf die italienische Seite. Beim Hochfirst machte ich Halt. Regine und ich haben hier schon einmal (etwas unfreiwillig) übernachtet, deshalb ist das nicht einfach irgendein Ort an der Strecke. Heute war es mein Zwischenstopp zum Stärken, bevor es weiter Richtung Jaufenpass ging.
Der Jaufenpass lag eigentlich nicht direkt auf meiner Route. Ich bin ihn deshalb nur hoch und anschließend dieselbe Strecke wieder runtergefahren. Aber wenn so ein Pass direkt vor der Nase liegt, lässt man ihn nicht einfach liegen. Also rauf da. Oben blieb es mit etwa acht Grad weiterhin frisch, aber die Strecke war es wert. Berge, Kurven, Passgefühl – genau dafür fährt man schließlich los.
Zurück im Tal wurde es fast absurd: eben noch acht Grad auf der Höhe, kurz darauf wieder 25 Grad im italienischen Land. Also raus aus den warmen Schichten, wieder rein in die Sommerklamotten. Die Alpen verlangen an einem Tag offenbar einmal die komplette Kleiderschrank-Auswahl.
Weiter ging es durch das Passeiertal Richtung Meran und anschließend durchs Vinschgau über Schlanders und Laas nach Prad am Stilfserjoch. Spätestens ab Meran fühlte sich der Tag anders an: weg vom rauen Hochgebirge, hinein in dieses warme Südtiroler Talgefühl. Links und rechts standen riesige Apfelplantagen, sauber aufgereiht wie grüne Linien in der Landschaft. Eben noch Wind, Regen und Kälte am Timmelsjoch, jetzt Wärme, Obstgärten und südliches Leben.
Es war richtig warm, doch ich hielt nicht mehr groß für Fotos an. Irgendwann ist man einfach im Fahrmodus: weiter, ankommen, später sortieren.
Mein Tagesziel war Prad. Das Hotel kannte ich schon vom letzten Jahr. Damals war ich dort komischerweise der einzige Motorradfahrer. Dieses Jahr sah das komplett anders aus: Der Parkplatz war voll mit Maschinen. Offenbar war ich nicht der Einzige, der Südtirol auf zwei Rädern erleben wollte.
Später kam ich mit einem anderen Fahrer ins Gespräch. Vom Balkon aus hatte ich gesehen, wie er seine Maschine einparkte, und dabei fiel mir auf: Er fährt dieselbe Honda wie ich – nur eine Klasse kleiner. Er kommt aus Oberhavel, ist aber bei Magdeburg gestartet, hat ganze drei Wochen Urlaub und rund 4500 Kilometer vor sich. Mit dem Motorrad hat er sich einen Traum erfüllt, und diese Tour ist seine erste richtig lange Reise. Morgen will er, genau wie ich, das Stilfser Joch fahren. Vielleicht sehen wir uns beim Frühstück nochmal oder später auf ein bisschen Benzingespräch.
Solche Begegnungen gehören einfach dazu. Man kennt sich nicht, aber nach zwei Sätzen über Motorräder, Strecken und Pläne ist man irgendwie im selben Film.
Danach wollte ich noch ein bisschen durch Prad schlendern. Vielleicht ein Eis, vielleicht ein Kaffee. Am Ende wurde es eine Eisdiele, und die war super. Der Eiskaffee rettete die Pawtrail-Kaffeeskala des Tages: fünf von fünf Kaffeetassen. Volle Punktzahl. Nach dem Morgenkaffee mit Shirt-Dusche war das die dringend nötige Wiedergutmachung.
Ganz entspannt endet der Tag trotzdem nicht. An der Rezeption hieß es, dass es morgen in der Region kräftig regnen soll. Auch die Wetter-App sieht nicht freundlich aus: ab sechs Uhr Regen, möglicherweise den ganzen Tag, rund 20 Liter pro Quadratmeter.
Bis jetzt hatte ich Glück. Gestern die Gewitter umfahren und trocken geblieben, heute auf den Pässen Wolken, Kälte und etwas Regen, aber alles noch im Rahmen. Morgen könnte es anders aussehen.
Für heute bleibt: Die alte Lady hat wieder geliefert. Und ich bin angekommen.
Fazit: Tag drei fühlte sich noch ein wenig wie vertrautes Terrain an. Timmelsjoch, Jaufenpass, Südtirol – vieles davon kannte ich bereits, wenn auch bisher eher vom Auto aus. Mit dem Motorrad war es ein ganz eigenes Erlebnis. Ab morgen wird es spannender: Erst wartet das Stilfser Joch, danach beginnen die unbekannten Gefilde. Neue Strecken, neue Eindrücke – und ein Wetter, das offenbar noch nicht entschieden hat, ob es mitreisen oder stören möchte.































































