sleet

📍 Pisogne

🗓️ 2025-06-02

🌡️ 19°C

🏍️ 189 km gefahren

Tag vier begann mit einem großen Namen: Stilfser Joch.

Normalerweise steht dieser Name für Kehren, Ausblicke und Motorradromantik. Heute stand er eher für Regen, Schnee und die Erkenntnis, dass Juni in den Alpen nur eine Kalenderbehauptung ist. Oben habe ich gar nicht angehalten und auch kaum fotografiert. Wer schöne Stelvio-Bilder sehen möchte, findet davon auf Pawtrail bereits genug. Heute war eher die Variante: Visier zu und weiter.

Nach dem Stilfser Joch ging es Richtung Bormio und dann auf eine Strecke, die ich so gar nicht auf dem Schirm hatte: hinauf zu den Torri di Fraele und weiter zu den Laghi di Cancano.

Vorher stand ich allerdings erstmal an einer elektronischen Mautstation. Alles nur auf Italienisch, Kennzeichen eingeben, Ticket ziehen und irgendwie verstehen, was der Automat von mir wollte. Während andere einfach durchfuhren, stand ich da und machte es ordentlich. Typisch deutsch oder einfach gesetzestreu auf zwei Rädern – man weiß es nicht.

Dann standen plötzlich zwei Pferde neben mir. Ich mit Ticket, Motorrad und Fragezeichen im Helm. Die Pferde fraßen entspannt weiter. Vermutlich hatten sie schon mehr Touristen an dieser Mautstation scheitern sehen als ihnen lieb war.

Danach kam die eigentliche Überraschung des Tages. Die Straße zu den Torri di Fraele ist ein echter Geheimtipp: kaum Verkehr, alte Wachtürme, tolle Kurven und eine Landschaft, die sofort hängenbleibt. Nicht so berühmt wie Stelvio oder Gavia, aber genau deshalb vielleicht so besonders. Da oben wirkt alles etwas stiller, rauer und weniger inszeniert.

Weiter ging es zu den Cancano-Seen. Auf den ersten Blick war klar: Das ist keine romantische Naturbadewanne. Die Ufer wirken künstlich, die Staumauern sind deutlich sichtbar, und überall merkt man, dass hier Wasserkraft eine große Rolle spielt. Die Laghi di Cancano sind künstlich angelegte Stauseen und bilden zusammen mit dem Lago di San Giacomo ein großes Wasserkraftsystem.

Das macht die Gegend aber keineswegs weniger interessant. Im Gegenteil. Hier treffen Hochgebirge, Wasser und Technik aufeinander. Einerseits Berge, Weite und alpine Ruhe, andererseits Staumauern und Ingenieurskunst. Die Landschaft wirkt stellenweise fast surreal. Für mich war das eines der Highlights des Tages.

Anschließend ging es zurück Richtung Bormio und weiter zum Gaviapass. Den kannte ich bereits von einer früheren Tour mit Regine, damals allerdings aus der anderen Richtung. Ganz unbekannt war das Terrain also doch nicht mehr. Stelvio und Gavia waren mir bereits vertraut, auch wenn sie sich mit dem Motorrad und bei diesem Wetter völlig anders anfühlten.

Der Gaviapass ist einfach immer wieder beeindruckend. Oben waren es etwa fünf Grad, es regnete, und der See war teilweise noch gefroren. Italien im Juni – aber eher mit Kühlfach als mit Sommerurlaub.

Also erstmal aufwärmen. Gemüsesuppe, Café Latte und ein Kamin, der gemütlich vor sich hin brannte. Für einen Moment war der Regen draußen egal. Der Café Latte bekommt vier von fünf Kaffeetassen. Lecker, warm und genau zur richtigen Zeit.

Danach wurde es richtig nass. Auf dem Weg Richtung Iseosee regnete es so heftig, dass ich die Tropfen sogar durch die Motorradkleidung gespürt habe. Das Regenradar machte ebenfalls wenig Hoffnung. Also habe ich einige ursprünglich geplante Punkte gestrichen. Statt weiterer Pässe standen nun noch etwa 80 Kilometer bis zum Hotel auf dem Programm. Vernunft schlägt Kurvenromantik – zumindest wenn die Handschuhe anfangen, sich wie nasse Schwämme anzufühlen.

Mit den Cancano-Seen hatte ich zwar bereits einen Teil der oberitalienischen Seenwelt erreicht, allerdings in ihrer rauen Hochgebirgsvariante. Der Iseosee fühlte sich ganz anders an. Hier begann die Seenlandschaft, die viele vor Augen haben, wenn sie an die oberitalienischen Seen denken.

Mein Hotel liegt direkt am See in Pisogne. Ein bisschen spartanisch vielleicht, aber schön gelegen. Nach diesem Tag war mir ohnehin nur wichtig: ankommen, trocknen und eine heiße Dusche.

Natürlich hörte es genau dann auf zu regnen, als ich angekommen war. War ja klar.

Nach einer heißen Dusche wollte ich mir Pisogne noch anschauen. Der Ort ist wirklich hübsch. Kleine Gassen, viel Charme und genau die Art von Ort, durch die man gerne gemütlich schlendert. Leider fing es wieder an zu regnen. Also wurde aus dem Stadtbummel eine schnelle Pizza-Mission. Die Pizza war dafür richtig lecker.

Tag vier war keine einfache Etappe. Stelvio im Regen und Schnee, Gavia mit gefrorenem See, stundenlanger Regen und durchnässte Kleidung. Aber dazwischen lagen echte Überraschungen: die Pferde an der Mautstation, die Torri di Fraele, die Cancano-Seen und schließlich die Ankunft am Iseosee. Manchmal sind es eben nicht die berühmtesten Namen, die am meisten hängenbleiben.

Fazit: Fazit fällt heute aus. Der Autor musste seine Klamotten trocken föhnen.

Einzelheiten
2026-06-02 OIS Tag 4

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