Im April war ich ja schon unterwegs. Damals ging es mit der alten Lady nach Frankreich in den Jura – Resturlaub sinnvoll nutzen, nennt man das wohl. Die Tour war großartig, aber ein kleiner Wunsch blieb offen: die Alpen.

Ich konnte sie zwar aus der Ferne sehen, aber mehr eben auch nicht. Die meisten Pässe waren noch geschlossen, Schnee lag noch genug herum und so blieb es beim sehnsüchtigen Blick Richtung Berge. Aber ganz ehrlich: Wenn man die Alpen einmal am Horizont sieht, ist das Thema nicht erledigt. Dann fängt es eigentlich erst an.

Jetzt haben wir Ende Mai, Anfang Juni. Die Temperaturen sind gestiegen, der Urlaub ist genehmigt und damit war klar: Ich muss da nochmal hin. Diesmal soll es Richtung Italien gehen, zu den oberitalienischen Seen. Die Idee kam tatsächlich durch ein YouTube-Video. Da fuhr jemand mit dem Motorrad durch diese Gegend, vorbei an Seen, Bergen und Kurven – und ich saß davor und dachte: Genau das möchte ich auch erleben.

Ob es am Ende so schön wird wie im Video? Mal sehen. Erfahrungsgemäß sind YouTube-Videos ja selten ehrlich, wenn es um Regen, Baustellen, Umleitungen und mittelmäßigen Kaffee geht.

Von den Kollegen kam natürlich schon die Frage: „Wie, du hattest doch gerade erst Urlaub?“ Ja, stimmt. Hatte ich. Aber das im April war Resturlaub. Das zählt also nur halb. Höchstens. Außerdem haben die alte Lady und ich Fernweh. Und wenn Motorrad und Fahrer Fernweh haben, wird es irgendwann schwierig, vernünftig zu bleiben.

Technisch gibt es jedenfalls keine Ausrede mehr. Der Nehmerzylinder ist repariert, ein frischer Hinterreifen ist montiert und die alte Lady steht bereit. Also zumindest so bereit, wie eine alte Lady eben bereitsteht: würdevoll, leicht ölphilosophisch und mit diesem Blick, der sagt: „Na gut, wenn du meinst.“

Ganz entspannt war die Vorbereitung trotzdem nicht. Wochenlang waren die Alpenpässe noch zu. Der Urlaub rückte näher, aber auf den Pass-Webseiten sah es eher nach Winterruhe als nach Motorradabenteuer aus. Inzwischen öffnen nach und nach die ersten Strecken. Noch nicht alle, aber immerhin genug, um vorsichtig optimistisch zu werden. Ich hoffe einfach, dass bis zu meiner Ankunft noch ein paar weitere Pässe aufmachen. Sonst wird aus der geplanten Tour ziemlich schnell ein kreatives Umfahren von geschlossenen Schranken.

Und dann ist da noch das Wetter. Ausgerechnet jetzt, wo es losgehen soll, sieht die Vorhersage nicht gerade nach Postkartenmotiv aus. In den letzten Tagen hatten wir Sonne satt, teilweise fast 30 Grad – und pünktlich zum Urlaub soll es regnen. Natürlich auch in den Alpen. Es wird regnen, keine Frage. Die spannende Frage ist nur: wie viel?

Fällt die Tour also ins Wasser? Hoffentlich nicht. Nass werde ich vermutlich trotzdem. Die alte Lady wird damit klarkommen. Ob ich damit klarkomme, wird sich zeigen. Aber vielleicht ist genau das der Punkt: Eine Motorradtour ist eben kein perfekt geschnittenes YouTube-Video. Sie ist Wetter, Straße, Umweg, Zweifel, Vorfreude – und irgendwo dazwischen hoffentlich ein See, ein Pass und ein richtig guter Kaffee.

Also: Motorradklamotte imprägnieren, Hoffnung nicht vergessen und los.

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