📍 Seedorf
🗓️ 2026-06-06
🌡️ 21 °C
🏍️ 304 km gefahren
Die Nacht in Bellinzona war angenehm ruhig. Die alte Lady durfte für zehn Franken in einer Tiefgarage übernachten und stand damit endlich einmal trocken. Eine Investition, die sich gelohnt hat, denn als ich morgens aus dem Fenster schaute, regnete es bereits. Immerhin hatten die Klamotten eine unfreiwillige Zitronenlimonaden-Dusche vom Vorabend gut überstanden und waren wieder trocken, dufteten dafür zitronigfrisch.
Zum Frühstück gab es einen Nutella-Muffin und einen Cappuccino, der solide drei von fünf Kaffeetassen bekam. Kein Highlight, aber völlig in Ordnung. Danach ging es los Richtung Nufenenpass.
Der Regen begleitete mich zunächst weiter. Über zwei Stunden war ich unterwegs, während die Wolken ihre Ladung über den Alpen verteilten. Während sich am Gotthard die Autos stauten, fuhr ich gemütlich an der Autobahn vorbei. Der Tunnel war zeitweise gesperrt und die Fahrzeuge standen weit zurück. Für mich war das allerdings kein Problem. Pawtrail bedeutet schließlich nicht Tunnel, sondern Pässe.
Je näher ich dem Nufenenpass kam, desto kälter wurde es. Nach den fünfundzwanzig Grad vom Vortag fühlten sich die zwölf Grad erstaunlich frisch an. Oben angekommen warteten Temperaturen um die sechs bis sieben Grad, viel Schnee und leider auch viele Wolken. Die ganz große Aussicht blieb dadurch verwehrt. Trotzdem war der Nufenenpass für mich heute etwas Besonderes. Hier war ich zum ersten Mal unterwegs und gleichzeitig war er der schneereichste Pass dieser Reise. Das eigentliche Highlight waren allerdings die Bergziegen, die mitten auf der Straße standen und sich von den vorbeifahrenden Motorrädern nur wenig beeindrucken ließen.
Nach so viel Regen und Kälte wurde es Zeit für etwas Warmes. Es gab Spaghetti Bolognese. Über den Preis sprechen wir lieber nicht. Sagen wir es so: Die Spaghetti vom Vortag wirkten plötzlich wie ein Sonderangebot. Geschmeckt hat es trotzdem hervorragend und mit Sonne, Wolken, Wind und angenehmen vierzehn Grad fühlte sich die Welt deutlich freundlicher an.
Anschließend ging es weiter über den Grimselpass. Motorradfahrer verstehen sofort, warum dieser Pass so beliebt ist. Die Kurven fließen einfach perfekt ineinander. Er lässt sich unglaublich angenehm fahren und ist für mich nach wie vor einer der schönsten Pässe der Schweiz. Heute konnte man die linke Hand kaum unten lassen. Auf den Pässen war so viel Motorradverkehr unterwegs, dass ich gefühlt mehr gegrüßt als geschaltet habe. Nufenen, Grimsel und später auch Furka waren fest in Bikerhand.
Den Furkapass ließ ich zunächst bewusst aus. Nicht weil er mir nicht gefällt, sondern weil ich ihn bereits kenne. Genau wie Grimsel und Susten existieren dazu bereits Berichte und Bilder auf Pawtrail Adventures. Heute wollte ich deshalb mehr fahren als fotografieren.
Zumindest war das der Plan.
Denn am Sustenpass wartete eine Überraschung. Gesperrt. Aus der geplanten Restetappe wurde plötzlich ein ordentlicher Umweg. Statt einer guten Stunde Fahrzeit zeigte das Navi nun drei Stunden und noch 164 Kilometer an. Also zurück. Noch einmal Grimsel. Und doch noch Furka. Ganz ehrlich? Es gibt deutlich schlimmere Orte für einen Umweg.
Am Belvedere legte ich einen kurzen Stopp ein. Dort war es allerdings brechend voll. Motorräder, Autos und Menschen überall. Also ging es schnell weiter. Kurz darauf entstand einer der schönsten Momente des Tages.
Während die meisten Besucher auf der Hauptstraße blieben, bog ich links auf eine alte Schotterstraße ab. Irgendwo hatte ich gehört, dass dort oben eine alte Festungsanlage stehen soll. Und tatsächlich – ich fand sie. Eine alte Schweizer Militärfestung, hervorragend erhalten und praktisch menschenleer. Während unten die Besucherströme unterwegs waren, hatte ich hier oben Ruhe, Geschichte und einen fantastischen Blick auf den Rhonegletscher.
Die Festung gehört zu den ehemaligen Schweizer Verteidigungsanlagen am Furkapass, die einst zur Sicherung der wichtigen Alpenübergänge errichtet wurden. Heute steht sie fast vergessen oberhalb der bekannten Route. Noch erstaunlicher war allerdings, dass kaum jemand Notiz davon nahm. Kein Gedränge, keine Autos, keine Warteschlangen – niemand war hier. Nur die Berge, die Festung und die Aussicht. Von dort führte ein Weg sogar noch weiter Richtung Rhonegletscher. Die ersten Schneefelder waren bereits sichtbar. Aufgrund der Fußstapfen im Schnee konnte man erahnen, dass einige Wanderer hier doch schon unterwegs waren, aber dafür fehlte mir heute schlicht die Zeit. Durch die Sperrung des Sustenpasses war der Zeitplan ohnehin bereits über den Haufen geworfen worden.
Hätte der Sustenpass geöffnet gehabt, wäre ich vermutlich nie hier gelandet. Eine mehr als angemessene und überraschende Entschädigung für die gesperrte Passstraße.
In Andermatt gab es später noch einen Versorgungsstopp. Ein Nussgipfel, ein Salami-Mutschli und ein Cappuccino sollten die Abendversorgung sichern. Und dann kam der Kaffee. Eigentlich endet meine Bewertungsskala bei fünf Kaffeetassen. Dieser Cappuccino nicht. Sechs von fünf Kaffeetassen. Perfekte Temperatur, perfekter Milchschaum und geschmacklich einfach hervorragend. Der bisher beste Cappuccino der gesamten Reise.
Weiter führte mich die Route schließlich Richtung Seedorf. Dabei ging es auf einer wunderbar kurvigen Strecke parallel zur Gotthard-Autobahn durchs Tal. Während sich auf der Autobahn der Verkehr staute, konnte ich die Kurven genießen und den Tag entspannt ausklingen lassen. Nach Tagen voller Italienisch war es außerdem eine Wohltat, wieder Deutsch zu hören. Die Sprachbarriere fiel weg und vieles wurde sofort unkomplizierter.
Am Abend zog es mich noch an den Urnersee. Eingebettet zwischen den Alpen lag er ruhig vor mir und bot einen würdigen Abschluss für diesen langen Fahrtag. Interessanterweise zeigte sich dabei erneut, wie wichtig die Wahl der richtigen Navigation ist. Während Google Maps und Apple Karten mich über die Hauptstraße geschickt hatten, führte mich Komoot auf dem Rückweg über kleine Wege durch Felder, entlang eines Baches und mit herrlichen Ausblicken auf die Berge. Fast ein wenig wie Pawtrail zu Fuß.
Zurück an der Unterkunft wartete dann allerdings noch eine unangenehme Überraschung. Als ich die alte Lady umparkte, wunderte ich mich zunächst, warum sie sich so schwer schieben ließ. Der Grund war schnell gefunden: Der Hinterreifen war platt. Komplett platt. Ausgerechnet der Reifen, der erst kurz vor der Reise neu montiert worden war.
Bei genauerem Hinsehen entdeckte ich etwas in der Lauffläche. Ob Nagel, Schraube oder etwas anderes, konnte ich nicht erkennen. Fest stand nur: Luft war keine mehr drin. Mit meiner kleinen Elektropumpe brachte ich den Reifen zunächst wieder auf zwei Bar. Nun heißt es warten.
Morgen ist Sonntag. Werkstätten haben nicht geöffnet und die Frage ist nicht mehr, welche Pässe ich fahren werde. Die Frage ist vielmehr: Hat der Reifen morgen früh noch Luft?
Fazit: Auch wenn der Tag nass, kalt und mühsam begann, endete er mit dem Gefühl, genau richtig unterwegs gewesen zu sein. Vielleicht sind es gar nicht die perfekten Pläne, die eine Reise besonders machen, sondern die Umwege, die kleinen Entdeckungen und die Momente, in denen aus einem Problem plötzlich eine Geschichte wird.
































































































Das war wieder ein Erwachen mit einer spannenden Morgenlektüre von Marco. Auf diese ich in den letzten Tagen immer wieder wartete . Danke und gute Weiterfahrt , Herbert
Vielen Dank, Herbert!