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📍 Attinghausen

🗓️ 2025-06-07

🌡️ 21 °C

Eigentlich war die Entscheidung schon am Vorabend gefallen. Als ich die alte Lady umparkte, ließ sie sich plötzlich schwer schieben. Ein kurzer Blick auf den Hinterreifen reichte: platt. Komplett platt. Ausgerechnet der Reifen, der erst kurz vor der Reise neu montiert worden war.

Mit meiner elektrischen Luftpumpe brachte ich den Reifen noch einmal auf zwei Bar. Vielleicht, so die Hoffnung, würde die Luft langsam genug entweichen, um die Reise am nächsten Morgen doch noch irgendwie fortzusetzen. Eine Stunde später stand ich erneut am Motorrad. Der Reifen war wieder komplett leer. Damit war klar: Diese Reise endet hier.

Um keine Zeit zu verlieren, rief ich noch am selben Abend meine Versicherung an. Nach einigen Telefonaten stand fest, dass am nächsten Morgen um 9:30 Uhr ein Abschlepper kommen würde. Die Weichen waren gestellt. Viel ändern konnte ich nun ohnehin nicht mehr.

Der Morgen begann deshalb anders als geplant. Statt Route, Wetter und Passstraßen standen Abschleppdienst und Versicherungsfragen auf dem Programm. Vorher besorgte ich mir noch einen Cappuccino, ein Schoggi-Gipfeli und ein mit Salami gefülltes Brötli. Schließlich wusste ich nicht, wie lange der Tag werden würde. Die Schweiz ist wunderschön, aber bei den Preisen lernt man schnell, mit kleinen Dingen zufrieden zu sein.

Gegen 9:30 Uhr traf der Abschlepper ein. Die alte Lady wurde verladen und wir machten uns auf den Weg zum Depot. Unterwegs erzählte mir der Fahrer, dass Motorradwerkstätten in der Region samstags geöffnet hätten, dafür aber montags geschlossen seien. Heute war Sonntag. Die Chancen auf eine schnelle Lösung waren damit ohnehin gering.

Im Depot angekommen, wurde das Motorrad abgestellt und der Papierkram erledigt. Dann fuhr der Abschlepper wieder davon und ich blieb zurück. Ein merkwürdiges Gefühl. Nach vielen gemeinsamen Kilometern stand die alte Lady plötzlich alleine in einer Halle und wartete auf ihren Heimtransport. Natürlich ist ein Motorrad nur ein Motorrad. Aber jeder, der länger unterwegs war, weiß, dass das nicht die ganze Wahrheit ist. Man erlebt gemeinsam Regen, Sonne, Pässe, Pannen, schöne Tage und schwierige Momente. Und irgendwann wird aus einer Maschine eben doch ein Reisegefährte.

Danach begann das große Warten. Während draußen bei bestem Motorradwetter die Maschinen vorbeifuhren und vermutlich die umliegenden Alpenpässe genossen, saß ich mit einem Cappuccino und einer Bitter Lemon im Restaurant. Die Rückrufe kamen zwar, aber spät. Dazwischen Warteschleifen, Verbindungsabbrüche und immer neue Abstimmungen. Weil sich alles so lange hinzog, bestellte ich irgendwann noch eine Spargelsuppe. Mehr wurde es nicht. Für ein Schnitzel hätte ich vermutlich erst einen Kredit aufnehmen müssen.

Nach und nach kristallisierte sich eine Lösung heraus. Bis Dienstag auf eine Werkstatt zu warten, ergab keinen Sinn. Also wurde beschlossen, die alte Lady zurück nach Deutschland zu transportieren und mir einen Mietwagen bereitzustellen.

Einfach war allerdings auch das nicht. Mietwagen und Auslandsrückgabe sind eine Kombination, die schnell sehr teuer wird. Zwischenzeitlich wurde geprüft, ob ein Fahrzeug aus Deutschland gebracht werden könnte. Die Kosten dafür waren allerdings ebenfalls absurd hoch. Nach mehreren Telefonaten fanden wir schließlich eine Lösung, die gerade noch vertretbar war.

Damit endet diese Reise nicht auf zwei Rädern, sondern auf vier. Natürlich hatte ich mir das Ende anders vorgestellt. Ich hätte lieber noch ein paar Pässe gefahren, irgendwo einen letzten Cappuccino getrunken und die Tour ganz normal ausklingen lassen. Stattdessen sitze ich nun im Hotel und bereite mich auf eine lange Heimfahrt von über achthundert Kilometern vor.

Natürlich hatte diese Reise auch ihre Schwierigkeiten. Der Blinker, der mich bereits am ersten Tag beschäftigt hat. Der Starkregen in den Bergen. Die Technikprobleme durch die Nässe. Der gesperrte Sustenpass. Die Schranke vor dem Lago del Naret. Und nun am Ende der platte Hinterreifen. All das gehört zur Geschichte dieser Tour.

Aber wenn ich in einigen Wochen oder Monaten an diese Reise zurückdenke, werden es vermutlich nicht diese Dinge sein, die mir als Erstes einfallen. Ich werde an die Pferde an den Torri di Fraele denken. An die schmalen Straßen dorthin und an die besondere Stimmung an diesem Ort. Ich werde an den Col di Tremezzo denken, an die Einsamkeit dort oben und an das Gefühl, einen Platz entdeckt zu haben, an dem die meisten einfach vorbeifahren.

Ich werde an den Lago del Naret denken, den ich nie erreicht habe. Ausgerechnet als die Landschaft immer spektakulärer wurde, stand dort diese Schranke. Selten hat mich ein gesperrter Weg so geärgert. Vielleicht gerade deshalb ist dieser Ort in meinem Kopf geblieben, obwohl ich ihn nie gesehen habe.

Und ich werde an den Nufenenpass denken. An die Wolken, die Berge, die Schneefelder und die Bergziegen mitten auf der Straße. Die Aussicht war nicht perfekt, das Wetter auch nicht. Aber die Natur dort oben war trotzdem beeindruckend. Und ich erinnere mich an zahlreiche Begegnungen, Gespräche und Momente, die mir ein Lächeln ins Gesicht zaubern.

Am Ende sind es genau diese Erinnerungen, die bleiben. Nicht die Probleme. Nicht die Pannen. Nicht die Telefonate mit Versicherungen. Die schönen Momente setzen sich durch. Und das ist vielleicht das Beste, was man über eine Reise sagen kann.

Vielen Dank an alle, die mich auf dieser Tour begleitet haben. Für die Kommentare, die Nachrichten und dafür, dass Ihr Tag für Tag mitgereist seid. Es hat viel Spaß gemacht, Euch mitzunehmen.

Fazit: Am Ende bleiben nicht die Pannen, sondern die Momente, in denen ich wusste: Genau dafür bin ich losgefahren. Die Reise endet anders als geplant. Aber die Erinnerungen bleiben. 🏍️❤️🐶🐾

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